Lieber gut negativ denken als schlecht positiv denken!

Die Gratwanderung zwischen positivem und negativem Denken ist äußerst schmal. Vor Kurzem diskutierte ich in einer philosophischen Runde, über die Schwierigkeit, sich für die Erde und andere Menschen unschädlich zu verhalten. Ich sprach von der Umweltverschmutzung des Wassers, der Luft dem Plastikmüll in den Fischmägen, den Ressourcen, die wir für und von unseren nachfolgenden Generationen schon aufbrauchen etc. „Mann, ich finde es fürchterlich, wie negativ Du denkst!“ Ich war geplättet und sprachlos. Konsterniert stammelte ich noch was von: „Ich zähle ja nur Fakten auf.“ Für den Rest der Diskussion blieb ich dann stumm.

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Was ist gutes und was ist schlechtes Denken?

Natürlich wollte ich nicht negativ Denken. Der Vorfall beschäftigte mich wochenlang. Was ist positives Denken und was ist negatives Denken? Was ist gutes und was ist schlechtes Denken? Wie wirkt positives und wie wirkt negatives Denken? Ich versuchte mich an einer Definition.

Positives Denken = optimistisches Denken – positive Vorurteile – positive Zukunftshaltung, positive Zukunftsprojektion

Negatives Denken = pessimistisches Denken – negative Vorurteile – negative Zukunftshaltung, negative Zukunftsprojektion

Mit dieser Definition war ich zunächst einmal zufrieden, hatte aber das dumpfe Gefühl, dass da noch etwas fehlt. Anhand eines konkreten Problems wollte ich die Definition über das positive Denken zu Ende führen.

Ein undichtes Dach bringt Klarheit

Nehmen wir folgendes Problem an. Du planst mit Deiner Familie den Urlaub für den Sommer. Kurz vor der Buchung zieht ein schwerer Gewittersturm auf und fegt Dir etliche Ziegel vom Dach. Der starke Gewitterregen führt dazu, dass ein Wasserschaden im obersten Stockwerk endstanden ist. Ein Gutachter der Gebäudeversicherung bezweifelt, dass die Versicherung den Schaden nicht übernimmt: „Das Dach ist in einem maroden Zustand. Wir gehen davon aus, dass der Gewittersturm nur deshalb Schaden anrichten konnte. Sehen sie sich doch die Dächer der Nachbarschaft an. Sie sind alle unbeschädigt geblieben.“

undichtes Dach

Klären wir anhand dieses Beispiels positives und negatives Denken:

Positives Denken Variante 1: „Das kriegen wir hin!“

Positives Denken Variante 2: „Alles halb so wild. Das hat Zeit! Lass uns erst mal in Urlaub fahren. Jetzt ist erst mal Sommer und es wird nicht regnen“

Negatives Denken Variante 1: „Es könnte bald Regenwetter geben. Wir sollten auf den Urlaub auch schon wegen der Finanzierung verzichten und uns um die Reparatur des Daches kümmern.“

Negatives Denken Variante 2: „Oh Gott, jetzt so kurz vor den Handwerkerferien noch einen Dachdecker zu finden ist unmöglich. Wir können da gar nichts machen.“

Vielleicht merkt ihr schon den Unterschied? Welche Impulse entstehen aus dem Denken?

Positives Denken Variante 1: Handwerkerangebote werden eingeholt und Aufträge umgehend erteilt. Finanzierungspläne werden mit der Bank besprochen. Am Ende der finanziellen Prüfung wird die Entscheidung gefällt, ob der Familienurlaub noch möglich ist. ES KOMMT ALSO ZU EINEM SINNVOLLEN HANDLUNGSIMPULS.

Positives Denken Variante 2: Hier erfolgt KEIN HANDLUNGSIMPULS. Es wird gemütlich in den Urlaub gefahren, der sich aber nicht als sehr entspannend erweist. Jedes Wölkchen am Himmel erinnert an das undichte Dach zu Hause: „Ob es Zuhause wohl gerade regnet?“. VERDRÄNGUNG ist leider immer nur temporär möglich.

Negatives Denken Variante 1: Hier geht zwar die gute Laune verloren. Aber es erfolgt ein GUTER HANDLUNGSIMPULS.

Negatives Denken Variante 2: Hier wird nur lamentiert, aber NICHT GEHANDELT.

Objektiv betrachtet ist also das negative Denken der Variante 1 besser als das positive Denken der Variante 2. Es scheint also ein gutes negatives und ein schlechtes positives Denken zu geben. Woran liegt das?

Viele unbekannte Variablen wirken in unserem Denken!

In unserem Denken wirken unsere Erfahrungen, unser Charakter, unser Selbstwertgefühl und auch unsere Glaubenssätze mit. All diese Dinge beeinflussen unser Denken. Permanent versuchen wir Unangenehmes zu verdrängen oder leiden unter Aufschieberitis: „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe getrost auf morgen.“ Ob wir wirklich positiv denken, entscheidet nicht nur der Inhalt des Gedachten, sondern auch der Handlungsimpuls, der daraus erfolgt. Ein Denken kann nicht positiv sein, wenn daraus kein guter Handlungsimpuls entsteht.

Gehen wir die einzelnen Varianten noch mal durch:

Positives Denken der Variante 1: Hier spricht ein gesundes Selbstwertgefühl und eine positive Haltung. „Das kriegen wir hin!“ Es erfolgen klare und angemessene Handlungen.

Positives Denken der Variante 2: Man lässt sich die gute Laune nicht verderben. Aber man bedient sich des Mittels der Verdrängung. Man versucht also das Problem aufzuschieben, um ungestört die Urlaubsreise anzutreten. Leider erinnert jede Wolke an das verdrängte Problem.

Negatives Denken der Variante 1: Hier wird eine negative Projektion auf die Zukunft gerichtet: „Es könnte bald Regenwetter geben.“  Das Problem wird aber nicht verdrängt, sondern sinnvoll angegangen.

Negatives Denken der Variante 2: Hier fehlt der Mumm, die Dinge in die Hand zu nehmen. Es wird negatives in die Zukunft projiziert und nur geklagt: Eine unkluge Passivität trotz des dringenden Problems. Auch hier ist Verdrängung am Werk: Es werden Ressourcen und Möglichkeiten übersehen.

Ein weiterer Definitionsversuch:

Von positivem Denken kann nur gesprochen werden, wenn positive Handlungsimpulse daraus erfolgen und die Variablen der Verdrängung und des Unwissens möglichst klein sind oder besser nicht vorhanden sind.

Das positive Denken der Hängemattenjünger

Ich vermute, Ihr kennt diese Frauen und Männer, mit ihren Visionen und tollen Vorstellungen, die immer positiv denken, aber letztendlich konkret nichts auf die Reihe kriegen? Positives Denken reicht nicht, wenn ich nicht danach handele und mit dem positiven Denken nur meine Bequemlichkeit, meine Angst vorm Versagen oder mein Unwissen überdecke. Ja, natürlich haben positive Gedanken eine Wirkung: Sie heben die Stimmung und vielleicht bewirken sie auch eine positive Resonanz des Universums. Diese positive Resonanz des Universums bewirken die Gedanken jedoch nur, wenn sie authentisch sind. Das Verdrängte und Unbewusste wirkt leider mit. So ist positives Denken letztlich bewusstes Denken.

Und noch ein Definitionsversuch:

Positives Denken ist die bewusste positive Haltung, die Fakten und Probleme zur Kenntnis nimmt, nichts beschönigt oder euphorisiert und sich selbst mit den eigenen Möglichkeiten und Ressourcen dabei authentisch einschätzen kann.

Die Motivationsforschung zeigt, dass positive Gedanken alleine nicht reichen, wenn Probleme ausgeklammert werden. Die Motivationspsychologin Gabriele Oettingen hat dies in Ihrer Forschungsarbeit anhand der Umsetzung von Vorsätzen überprüft. Drei Gruppen von Menschen sollten sich einen schwierigen Vorsatz fassen und umsetzen z.B. regelmäßige Übungen machen, ein unangenehmes Gespräch führen oder ähnliches.

Die 1. Gruppe sollte sich in der Fantasie ausmalen, wie schön es wäre, wenn das Ziel schon erreicht sei und in diesen positiven Gefühlen schwelgen.

Die 2. Gruppe sollte sich mit den zu überwindenden Schwierigkeiten auseinandersetzen und dazu einen kurzen Aufsatz schreiben.

Die 3. Gruppe wurde angewiesen, zwischen den positiven Zielfantasien und den zu überwindenden Schwierigkeiten im Bewusstsein hin und her zu wechseln.

Die Gruppen 1 und 2 waren in der Umsetzung ihrer Vorsätze etwa gleich schlecht. Nur die 3. Gruppe zeigte gute Ergebnisse.

Was ist überhaupt positiv?

Hier eine Erzählung von Dr. N. Peseschkian, einem iranischen Psychologen. (Es gibt viele Varianten dieser Geschichte.)

Ein alter Bauer lebt zusammen mit seinem Sohn in einem Bergdorf. Weil er das einzige Pferd des Dorfes besitzt, gilt er als sehr reich. Entsprechend bewundern und beneiden ihn die anderen Dorfbewohner. Eines Tages läuft das Pferd weg. Das Dorf eilt zusammen und bedauert und tröstet den Mann. Dieser erwidert nur: „Naja, das kann gut oder schlecht sein. Warten wir es doch mal ab.“

Nach kurzer Zeit kommt tatsächlich sein entlaufenes Pferd zurück. Aber damit nicht genug: Es kam nicht alleine zurück, dabei hatte es ein junges Wildpferd. Mit einem Schlag wird der alte Mann zur reichsten Person weit und breit. Das Dorf möchte dieses Ereignis feiern und ihm gratulieren, doch der Mann entgegnet nur: „Ich weiß nicht, was es bedeutet, warten wir es doch ab.“

Eines Tages wird sein Sohn beim Zureiten des Wildpferdes abgeworfen und bricht sich die Beine. Das Dorf eilt erneut zusammen und will den alten Mann beklagen. Selbst in dieser Situation entgegnet er mit ruhiger Stimme: „Warten wir es ab!“ Nach einigen Wochen kommen Reiter des Königs ins Dorf, um alle jungen Männer für den Krieg einzuziehen. Keiner von ihnen kehrt je zurück. Nur einen nahmen sie nicht mit: den Sohn mit den gebrochenen Beinen….

​Wir kennen unzählige reale Geschichten, die die Grenze zwischen positiven und negativen Bewertungen verwischen. 

Da gibt es Frauen, die alleine auf der Autobahn mit ihrem kaputten Auto zitternd am Fahrbahnrand stehen, aber dann von einem gelben Engel gerettet werden. Ein Mann, der nicht nur mit flinken Händen das heilige Blechle repariert, sondern sich später als die große Liebe entpuppt.

Da gibt es Menschen, die sich maßlos ärgern, weil sie den Flieger in den Urlaub verpasst haben. Hinterher stellt sich heraus, dass im Urlaubsgebiet ein schweres Erdbeben, ein Waldbrand oder eine andere lebensbedrohliche Katastrophe stattgefunden hat.

Ähnlich ist es mit persönlichen Krisen, die sind nie angenehm oder leicht zu bewältigen. Aber retroperspektiv betrachtet sind sie die vielleicht die wichtigsten Impulsgeber für eine gesunde, bewusste und erfüllende Entwicklung.

Vielleicht ist die wertungsfreie, gelassene und heitere Haltung eines Buddhisten erstrebenswert. Vielleicht beinhaltet der gesunde Optimismus, das Wissen, dass auch schlechte Dinge gute Seiten haben.

Hier meine Lieblingsdefinition:

Positives Denken ist ein Denken, das aus einer gelassenen bewussten Haltung resultiert, die eine Sinn gebende höhere Ordnung mit einschließt. Dies führt zu einer Gewissheit, dass alle schweren und unangenehmen Dinge, die mir begegnen, immer eine goldene Rückseite der Medaille haben, die es mir ermöglicht zu reifen und mich zu mehr Bewusstheit zu entwickeln. Positives Denken schließt auch mit ein, darauf zu vertrauen, dass ich alle notwendigen Fähigkeiten und Werkzeuge in mir selbst habe oder Hilfe in der näheren Umgebung erhalte, um aus allen Krisen und Rückschlägen positive Resultate zu erzielen. Es mündet in der Gewissheit, dass alles was mir begegnet, in irgendeiner Weise gut für mich ist und ich den Mut haben darf, alle meine Fähigkeiten in die Welt zu bringen und uneingeschränkt zu mir zu stehen.

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